USA  

Kanada/US-Grenze bis Salt Lake City: 22. – 28. September 2017

 

3 Äpfel, 2 Pflaumen, 1 riesengrosser Salat mit Zucchetti, Rüebli, Zwiebel, Stangensellerie, Tomate und Schinken… so, unsere Bäuche platzen beinahe, der Kühlschrank ist ausser Käse leer – wir können guten Mutes die Grenze von Kanada zu USA passieren. Die neuen trumpschen Einfuhrbestimmungen wechseln beinahe täglich und niemand konnte uns genau sagen, was am strengen Zoll verlangt wird. Noch am letzten halben Apfel kauend passieren wir nähe Cardstone die Grenze. Freundlich werden wir gefragt, wie lange wir in den Staaten zu bleiben gedenken – ja, und das wars… Unser Visum läuft Mitte Februar 18 ab, sollte jedoch problemlos verlängert werden können.

Zig Kilometer durchfahren wir dürres strohgelbes Weideland der früheren Schwarzfussindianer und können uns die riesigen, vom Wind staubumhüllten Bisonherden vorstellen. 2 Tage begleitet uns die sanfthügelige trockene Fläche, bis wir den Nordeingang des Yellowstone Parks erreichen. Einen Monat früher meldeten uns Freunde, dass die Nord-Süd-Strassenverbindung wegen Schnee geschlossen sei. Wir haben Glück, sämtliche Hauptstrassen sind offen – Eis und Schnee sei übernächste Nacht zu erwarten. Statt der geplanten 2 Tage, entscheiden wir uns in einem Tag das Wesentlichste zu sehen und am Abend den Südcampingplatz, der noch offen war, zu erreichen. Würde diese Nord/Südstrasse geschlossen, müsste ein riesiger Umweg gefahren werden und so hätten wir den Grand Teton mit den imposanten spitzigen Bergen verpasst. Die weissen Sinterungen, dampfendfarbigen Schwefelfelder und  Geysire im Yellowstone Park haben uns entzückt. Der Übernachtungspatz überrascht uns mit vereister Strasse und 10cm Schnee (der Einzige für lange Zeit).

Jackson Hall ist bekannt für die riesigen migrierenden Hirschherden im Winter vor der Stadt. Seit Jackson so gewachsen ist, versperrt der Ort vielen Tieren den Durchgang zur Weiterwanderung, was zu diesem grossen Stau oder Aufenthalt führt. Währen dieser Zeit verlieren die Hirsche ihr Geweih, das eingesammelt zu grossartigen Bogentoren gestaltet wird.Uns schweisst hier eine Schlosserei die tropfende Boilernaht, nachdem wir endlich nach langem Suchen das nasse Leck gefunden haben. Weiss jemand, wie ein gut isolierter Kleinboiler auszubauen, resp. wieder anzuschliessen ist? Die Weiterfahrt lässt uns mehrmals die Strassenkarte konsultieren. Fahren wir wirklich richtig?! Montpellier, Geneva (eine Handvoll verlotterter Häuser), Bern (nur auf einem kleinen Strassenschild vermerkt), Paris (endlich bin ich mit meinem Schatz in dieser kosmopolitischen Stadt) – etwas grösser als Geneva, und dann der traumhafte Bärensee. Ja, hier bleiben wir für die Nacht, aber wo? Die Offlinehilfe ‚I Overlander‘ zeigt uns nichts passendes. Also fahren wir keck durch das offene Tor eines bereits geschlossenen Campingplatzes. Am See treffen wir den Besitzer der uns einlädt an bester Stelle zu bleiben, mit dem Vermerk, die Duschen stehen mit Warmwasser zu unserer Verfügung. Herrlich!

Ein Blick zurück beim Aussichtspunkt auf den tiefblauen See und die kahlgraue sanfte Bergkette, dann durchschlängeln wir einen Höhenzug und erreichen noch gleichentags die Mormonenstadt Salt Lake City.

Utah-Parks: 30. September - 19. November 2017

Statt der südwärts führenden Schnellstrasse entscheiden wir uns für die westlichen Utah-Parks. Die Minenstadt Helper (Gold und Kohle) ist berühmt für Butch Cassidy & Co’s Bankraub. Das eindrückliche Minenmuseum erzählt vom harten Arbeiterleben der 23 verschiedenen Nationen, dem Bergbau, der Wichtigkeit der Eisenbahn und der umgebenden Naturkatastrophen.

Eine gute einsame Naturstrasse bringt uns zu den ersten atemberaubenden Aussichtspunkten: auf die Ceader Mountains, die Wedge Canyons, und dann durch eine traumhafte breite abwechslungsreiche Schlucht über Green River in Richtung Touristenmekka Moab. So schön wie die Namen klingen, so schön sind auch die Parks: Canyonlands, Island in the sky, Dead horse Point, the Needles, the Arches. Wir unternehmen in allen Parks tolle Wanderungen; das Wetter ist uns gut gesinnt, Seele und lange Sitzhaltung jubeln. Ein prickelndes Abenteuer wollen wir uns nicht entgehen lassen, nämlich die steile Strassenkürzung über die fast senkrechte Canyonwand, den ShaferTrail und dann die PotashRoad zu nehmen. Ja, das war wirklich herausfordernd und toll! Die Natural Bridges mit den „Bärenohren“ gefallen uns sehr. Steinbögen wie die Arches entstehen durch Verwitterung, Wind und Kälte – bei Steinbrücken durchfrisst das Wasser eine Flussschleife. Flott geht’s weiter entlang riesiger trockener Viehweiden bis sich die gute asphaltierte Strasse abrupt in eine relativ schmale, über die Riffkante den „Moki Dugway“ herunterschlängelnde Schotterstrasse verwandelt. Natürlich verpassen wir nicht die beeindruckenden Strassen zum 'Muley Point' und durch das 'Valley of the gods'. Wir staunen ob der vielen Plateaus. Erst sind wir auf etwa 2500m Höhe, fahren zur nächst tiefer gelegenen Ebene, um später wieder in eine tiefere Terrasse zu gelangen, jeweils 600-700m Höhendifferenz, bis wieder eine so tiefe Schlucht zu überqueren ist. Faszinierend ist nicht nur die Topographie, sondern auch die Vielfalt an verschiedenen Sandsteinen und andern Felsformationen, dem Gesteinsfarbenüberfluss: von weiss, ocker, gelblichgrau, schwarz über corall, siena, orange, rot, pink bis violett. Die Hügel oder gar Berge gleichen riesigen Kieshaufen, nackten Brüsten, Erdbeersahneschnitten, porös, gewellt, blankes eisenhaltiges rotes Gestein, kahl mit spärlicher Vegetation, Heimat von aberhunderten von Rehen, Hasen, Hirschen, gams- und steinbockähnlichen Schafen, Echsen, Luchsen, Bobcats (kleiner als Luchs), Berglöwen, Klapperschlangen, Skorpionen, Taranteln, Kolibris (nur im Sommer), Greifvögeln, bunten Vögeln, Schmetterlingen, Käfern und vieles mehr. Die ‚gefährlichen‘ Tiere sieht man nur selten, da scheu und zurückgezogen oder nachtaktiv.

Beim Monument Valley treffen wir auf „alte Schweizerfreunde“, kennengelernt in Kanada. Die Freude ist gross, bis tief in die Nacht wird zusammen gesessen und erzählt. Nächsten tags trennen sich wieder unsere Wege, wir ziehen nordwestwärts weiter. Heute ist unser „Ausgleichstag“. Wir zählen jetzt beide 63 Jahre. Der Wichtelwunsch wird erfüllt – wir fahren zu den ‚Gnomen‘ und ‚Pilzen‘ ins Goblin Valley. Vorher passieren wir auf einer Wanderung den körperengen und hübschen „little wilde horse canyon“, unsere erste begehbare Schlucht. Utah besteht aus unzähligen nationalen und staatlichen Parks. Im Capitol Reef wurde einst von Anasazis (Ureinwohnern) die Kesselsohle mit Suonen bewässert und fruchtbar gemacht, später besiedelten mormonische Kleinbauern das Gebiet und pflanzten verschiedene Obstbäume. Noch heute wachsen da Pfirsiche, verschiedene Äpfel, Zwetschgen, Kirschen - die Vorbeifahrende selber pflücken dürfen. Wir entscheiden uns für eine ca. 120km lange Hinterlandstrasse, die wir samt Bachüberquerung mit unserem Landcruiser problemlos schaffen sollten. Eineinhalb Tage, bzw. 8 Stunden benötigen wir für die herrliche Strecke. Hinter jeder Biegung entschlüpft uns ein ooh, oder ein wauw – die Landschaft ist um jede Kurve herum wieder ganz anders – entweder sandig, steinig mit schwarzen Lavabollen übersät, ausgestrocknetem staubigem Weideland mit freilaufenden schwarzen Anguskühen (wir wundern uns, was die an den kargen trockenen Büschelchen zu Essen finden, Kilometer weg von irgendeiner Farm), dann ein kurzes Stück nur aus weissen Granulathügeln (ev Gibs) bestehend, oder dann das Kathedralental, wo die roten und grauen Felsen gothischen Kathedralen  ähneln mit klingenden Namen wie Sonnentempel und Mondtempel, daneben den Glasberg (ein etwa 4m hoher Hügel aus kristallinem ..gibsum). Ja, dieser Rundkurs hat sich wirklich gelohnt! Ein anderer Canyon ähnelt einer Hautfalte mit Poren, Pusteln und Pickel, und wir dazwischen sind die Bakterien – Welten wie Mikro-/ bzw. Makrokosmos.

Nach Kodachrom Park gehts hoch zum herrlichen Bryce Canyon. Ein vorhergesagter Kälteeinbruch mit Sturm und Schnee verjagt uns anderntags, nach einer hochaufblickenden Wanderung zu den mächtigen Amphitheatern aus roterosierten ‚Säulen‘, in den tiefergelegenen Zion Park. Was für mächtige steilaufragende rote Felsberge! Riesige Lachsfilets ähnelnde Sandsteinflächen aktivieren genüsslich unseren Speichelfluss. So grundverschieden präsentieren sich die einzelnen Parks und wir fragen uns, was die nächsten Parks überhaupt noch zu bieten haben?!

Kanab bis Page: 20. – 30. November 2017

Auf dem Weg nach Kanab lernen wir Karin und Andi aus Deutschland kennen, auch sie beide unterwegs mit einem Toyota und @-cab-Kabine. Nachdem uns bei der Lotterie das Glück nicht hold war, einen Eintritt zur Wave (einer versteinerten Welle) zu ergattern, besichtigen wir die korallpinkigen Sanddünen in der Nähe. Später stossen wir auf einer steinigen Querstrasse wieder auf unsere neuen Freunde und beschliessen, anderntags gemeinsam auf tiefsandiger Strasse zur ‚White Pocket‘ im Vermillon Cliff zu fahren. Erst führt uns aber eine etwa 3-stündige Wanderung durch den Wire-Pass, durch einen dieser zahlreichen tollen Canyonschluchten, wie es viele in der zerrissenen Gegend gibt. Frühmorgens am folgenden Tag fahren unsere beiden Landcruiser los. Schaffen die Autos die Pine-Tree-Offroadstrasse? Langsam holpern und pflügen wir uns vorwärts vorbei an uralten knorrigen Pinien, die wie ausruhend, ihre müden und schweren Äste auf dem sandigen Boden ausbreiten. Eine andere Wirklichkeit erwartet uns – wir staunen und schauen – welch unglaubliche Gesteinsformationen! An einen riesigen Drachen erinnernd, mit grossen 5-eckigen Schuppen in weiss oder rosa – dazwischen schwungvolle Bahnen rot und weiss liniert, wie eine vergrösserte Schüssel Erdbeersahne-Crème und Krusten wie Pizzaränder.. – wahrlich ein Schlaraffenland der Sinne! Wir sind alle tief beeindruckt. Am gemütlichen Lagerfeuer versuchen wir unser Erlebtes einzuordnen und beschliessen einstimmig, bei Sonnenaufgang diese einmalige Landschaft nochmals auf uns wirken zu lassen. Auf der Rückfahrt kommen die Sandbleche bei uns doch noch zum Zuge. Umso mehr geniessen wir am Abend nochmals ein letztes wärmendes Feuer, bevor uns nächsten tags die Wege trennen. Vielleicht gibt’s Januar/Februar ein Wiedersehen in der Baja California..

Wir wollen in Page Besorgungen machen, unser Kühlschrank ist leer. Auch wird der noch immer tropfende Boiler zum 6. Mal rausmontiert und ‚nackt‘ von einem Schweisser mit Hochdruck und Seifenwasser auf ein zusätzliches Leck geprüft – und siehe da – jetzt hoffen wir auf endgültige Wasserruhe.

Eine Grippe raubt Richard sämtliche Energie. So beschliessen wir, für einige Tage ein Hotel zu beziehen. Genug Zeit auch, eine Wäscherei aufzusuchen, so ist in kurzer Zeit alles wieder frisch und sauber. Zum Abschluss besuchen wir den ‚Lower-Antelope-Canyon‘. Obwohl der Sonnenstand um diese Jahreszeit auch zur Mittagszeit nicht hoch ist, sind wir mit den Lichtverhältnissen zufrieden. Die wirren Auswaschungen durch Wind und Wasser im engen  Sandsteinriss sind eine Besichtigung wert, trotz rassigem Durchgeschleust werden in einer Stunde.

Grand Canyon bis San Francisco:   01. - 31. Dezember 2017

Viele Kilometer geht’s südwestwärts entlang karger trockener Vegetation. Seit September ist kein Regen mehr gefallen, jährlich beträgt der Regenpegel ca. 25cm. Oft ist die Erdkruste sandig rot oder gelblich, nur wenige Büsche, Bäumchen, Kakteen und Sukkulenten harren der Trockenheit. Das Meer blühender Kakteen und Agaven im Frühling/Sommer ist sicherlich einzigartig schön. Die grosse Ebene ist zerrissen und zerfurcht mit unglaublich vielen Schluchten, Riffen und ausgetrockneten Wasserläufen. Kaum merklich erreichen wir bis zum Grand Canyon eine Höhe von etwa 2500m und das Eigenartige ist, je höher wir fahren, desto mehr und höhere Bäume wachsen da. (Die Baumgrenze liegt in Amerika um etwa 700m höher als in Europa.) Im Sommer, wenn tausende von Touristen die grossartige Attraktion des Grand Canyon bewundern, spenden die Föhren und andern Nadelbäume etwas wohligen  Schatten. Noch immer ist der sehr steile, etwa 13km lange, Wanderweg runter zum Coloradoriver stark frequentiert – nichts mehr für uns …

In Williams herrscht Grossandrang am (seit 17 Jahren) voll ausgebuchten Polarexpress. Für Kinder jeglichen Alters fährt die weihnachtlich geschmückte Grand-Canyon-Eisenbahn zum Santa Claus und Wünsche sollen wahr werden, falls man an ihn glaubt. Eine hübsche Idee. Viele erwartungsvolle Passagiere, grosse und kleine, warten in Pyjamas, Morgenröcken und sonst drolligen Kleidern auf dem Perron im bissigen Wind aufs Einsteigen.

Unweit von Williams existiert noch ein Stück ‚alte‘ Strasse der USA-Durchquerung – die Route 66. Während den etwa 250km verändert sich das Landschaftsbild total. Von der strohgelben Viehebene mit kargem Baumbewuchs, wechselt die Gegend zu wüstenähnlichem flachen Landstrich mit Palmen, grossen Yuccas, vielen Kakteen und etliche Orte, die die Route 66 zäumen, leben von der alten Strassenromantik, einige Örtchen sind verlassen und am zerfallen.

Heute, am Samichlaustag, übernachten wir am Mohave See, unweit Las Vegas. Eine Schotterstrasse führte uns zu dieser einsamen Bucht direkt am tiefblauen Wasser. Wir stehen etwas windgeschützt (er blies uns heute beinahe um), es ist warm, der Himmel wolkenlos und wir schlemmern Heidelbeeren mit Schlagrahm. Was gibt es angenehmeres als einen zufriedenen und wohligsatten Göttergatten! Zwischen Mohave- und Meadsee, beides Stauseen, ist das Flussufer des Colorados auffällig stark besiedelt. Die schicken Häuser drängen sich Schulter an Schulter dem Wasser entlang, mit Hausbooten, Wassertöffs, Palmen und Sandstrand, alles was das Herz zum Freizeitvergnügen am Wasser begehrt. Da passt der Ortsname Riviera bestens. Am Eintritt zum Hoover-Dam am Lake Mead wird unser Wagen genaustens nach Waffen kontrolliert, sogar die Matratzen werden hochgehoben. Zwischen 1931-35 wurde die Staumauer erbaut – viele Jugendstildetails zeugen aus jener Zeit. Der Blick auf den See ist gewaltig – das klare Wasser im Kontrast zu den öden Bergen, der kargen Vegetation und dem tiefblauen wolkenlosen Himmel. Und plötzlich, nach einer Strassenwindung, ist alles ganz anders, wie ein verzaubertes üppiges Paradies: Schilf, Röhricht, dichtes Gebüsch, verschiedene Enten und Blesshühner schnattern um die Wette, kleine Fische springen im Wasser, Grau- und Silberreiher stolzieren im seichten Nass, der Boden ist übersät mit Muschelschalen und auf einer Sandbank putzen und recken sich Pelikane. Welch Augenweide! Auch Minioasen mit ungeschnittenen Palmen, Buschdickicht und Weiher von kristallklarem Wasser (achtung Amöben) unterbrechen die bizarr steinige Landschaft aus rotem, ockerfarbigem oder schwarzem  Sandstein. Unsere Route hat sich doch nochmals am Lake Mead mit der von Karin und Andi gekreuzt. Und etwas später stossen wir im ‚Valley of Fire‘ auf Schweizerbekannte, kennengelernt in Vancouver. Trotz Zirkulation ist die Welt klein. Wir freuen uns beide Male und geniessen gesellige Abende am Feuerring. Mit Zeitumstellung wird es mittlerweilen bereits kurz nach 16.00h dunkel. Durch das Fahren, den sich überhäufenden Eindrücken, der vielen Bewegung an der frischen Luft, all dies macht uns alle enorm müde, sodass wir oft bereits um 20.00h lesend im Bett liegen. Sogar das pulsierende, verrückte Las Vegas macht keinen grossen Unterschied. Was für ein Tummelplatz ausgefallener architektonischer Träumereien, Verlockungen an Spielautomaten, Kaufrausch, Kullinarium und freigebigem Fleischgenuss, alles gespickt mit überbordender Musik, Licht- und Wassershows, auch jetzt im Dezember mit Besuchern überschwemmt. Hier der Glanz der Scheinwelt, dort im Downtown die Tristesse der vielen Hoffnungslosen. Wir sind froh, nach zwei erlebnisreichen Tagen im Rummel wieder auf die Stille der Abgeschiedenheit im ‚Death Valley‘ zu treffen. Diese Gegend ist keineswegs trostlos und langweilig öde; nein im Gegenteil, sie hat extrem viel zu bieten: die weisse, salzige Fläche 86m unter dem Meeresspiegel mit den seltenen kleinen Fischlein, Zabrisky Point’s ausgefallene Hügellandschaft, der Sandsturm über den Dünen, das ‚Tote‘ Tal umrahmt von steilen Bergen, auch hier wurde man einst goldfündig, die kurzweilige Tagestour über die Titus Canyon Road mit weitem buschigen Wüstengebiet, bergigen Zickzackschlaufen, schwindelndem rotsteinigen Passübergang und zur Krönung engkurviger Schluchtdurchfahrt.

Nächstes Ziel sind zwei hochgelegene Nationalparks im Westen. Blätter- und Nadelbäume lösen sich ab mit Agavenbäumen, Yuccas und Kakteen – dazwischen Vieh. Am hübschen Isabella See stehen wir mit Lydia und André (zuletzt im Monument Valley getroffen) alleine am sandigen Gestade. Wieder einmal kreuzen sich unsere Wege in entgegengesetzter Richtung. Die szenische Strasse zieht sich durch das bergige Hinterland zu den riesigen Sequoia Bäumen - hünenhaften Holzriesen, mit volumenmässigem Weltrekord und bescheidenen 2-3‘000 Altersjahren. Märchenwald pur! Liebe auf den ersten Blick! Um zum bergigen Yosemite-Park zu gelangen fahren wir wieder in die Ebene runter, kaufen pflückfrische Zitrusfrüchte und Avokados und erleben kurz später granitige Berggiganten mit turmhohen Wasserfällen in schneeiger Höhe und eisiger Kälte. Die alpine Tioga-Pass-Strasse ist wintershalber gesperrt. Uns zieht’s wieder an die Wärme, Handschuhe, Mütze und Schal werden versorgt. Ab geht es nach San Francisco.

Highway No. 1:   1. – 20.  Januar 2018

Von der Küstenstrasse No. 1 wird geschwärmt und es gibt so viel zu sehen. So folgen wir ihr kurzentschlossen ein Stück, erst noch nordwärts. Der erste Aussichtspunkt führt an Schottland erinnernde Landschaft vorbei. Kühe grasen auf saftigem Grün. Bei Klippen wie die Sieben Schwestern in Südengland, dem Point Reyes migrieren zurzeit See-Elefanten. Alpha-Männchen mit ihren langen Rüsselnasen verteidigen trompetend ihr Harem gegen Rivalen. Die Weibchen kommen Januar bis März an die Westküste um zu gebären und 24 Tage später sich zu paaren. Die ersten dunklen Kälbchen sind am Saugen. Jungbullen üben sich im Zweikampf, mit voller Wucht ihre hornhautgepanzerten Brustschulterpartien aufeinanderschlagend, und versuchen röhrend, den andern zu beeindrucken und ev. beissend zu vertreiben. Früh übt sich, wer mit etwa 8-9 Jahren Führer einer ca. 20-köpfigen Kuhgruppe sein will.

Beeindruckt fahren wir bis Mendocino. Die ältere Generation mag sich sicherlich noch an den gleichnamigen Hit erinnern, der bis zu 20x pro Abend aus der Jukebox plärrte. Wir verlassen die stürmische Westküste mit ihren schmucken Örtchen und folgen dem mit Redwood (Mammutbäumen) gesäumten Russian River bis zu den Sonoma- und Nappa Valley Weingebieten. Die Brandspuren der letzten gewaltigen Feuer sind beklemmend, daneben strotzen herrliche Weingüter in ihrer stolzen Pracht. Es geht wieder südwärts, wir umfahren San Francisco und folgen der überbauten Bucht bis ins Silicon Valley, dem Standort von Microsoft und Google. Leider ist der Eintritt in die Computerwelt für uns Unbefugte verboten. Doch das Museum, über den Beginn bis Heute, ist schon sehr interessant. Ja, die grosse rundherum überbaute Nord- und Süd Bucht von San Francisco ist trotzdem ein Paradies für tausende von migrierenden Vögeln. Ornithologische Herzen schlagen hier höher. Wieder zieht es uns zur 1 an die Westküste. Die Big Sur, ein szenischer Steilküsten-Strassenteil, ist seit dem Murgang letzten März noch nicht wieder durchgehend befahrbar. Doch nochmals See-Elefanten zu sehen und noch dazu Monarchfalter (die bis März zu Millionen in Mexiko überwintern) in den Eukalyptusbäumen und leider immer wenigeren Seidenpflanzen, das dürfen wir uns nicht entgehen lassen. Schmetterlinge gaukeln nur wenige nach den Regentagen im wärmenden Sonnenlicht, dafür erfreut uns eine grosse See-Elefantenkolonie in San Simeon. Welch ein Lärm, die kämpfenden trompetenden Bullen, die lauthals ihre Jungen verteidigenden Kühe und die hell schreienden und weinenden Kälbchen. Wie flach die Landschaft plötzlich ist – wir sind in Kaliforniens riesigem Gemüseanbaugebiet. Die Luft ist gesättigt vom Geruch der geerntenden Broccolis und Rosenkohlfelder. Wie im Berner Seeland, nur viel, viel, viel grösser und weiter.

Santa Barbara wurde noch vor kurzem vom grössten kalifornischen Feuer heimgesucht. Weite Landstriche und Häuser fielen den Flammen zum Opfer. Und jetzt in diesen Regentagen ging eine Schlammlawine durch einen Teil der Stadt. Wir hoffen, auf der Küstenstrasse bis vor Los Angeles durchzukommen, aber das ganze Gebiet muss umfahren werden. Strassenalternativen gibt es keine, so nehmen wir die mehreren Stunden durchs Hinterland in Kauf. Amerika ist gross. Irgendwann, es ist bereits dunkel, der nächste Ort noch Kilometer entfernt, biegen wir in eine Staubstrasse ein, und etwas vom Strassenlärm entfernt schlafen wir, begleitet vom heulenden Gejaule einiger Kojoten, müde ein.

Wir nehmen gerne Nebenstrassen, ab vom Schwerverkehr – dies bringt uns in abgelegene Orte oder sogar in schneeüberzuckerte Höhen. Am nächsten Tag erreichen wir den Joshua Park und hätten es uns nicht geträumt, drei Nächte hier zu verbringen. Die Joshua Bäume, zur Agavenfamilie zählend, bestehen statt aus Holz, aus tausenden von Fasern, haben also keine Jahrringe und werden auf ca. 150 Altersjahre geschätzt, bei einer Höhe von etwa 6-12m. Die dazwischen riesigen, zu Türmen zerfallenen, rundgewaschenen Granitbollen gefallen nicht nur uns, es ist ein Paradies für Kletterer. Südwestlich gibt’s einen Ausgang, der Berdoo-Canyon-Trail, eine Staubpiste für 4x4s. Das tönt doch gut. Der erste Teil ist surfig sandig, der Weg dann zwischen den Hügeln schroffsteinig, zum Teil wie ein wildfelsiges Bachbett (grosses Lob an Richards Fahrkünste), der Ausgang erholend steinig. Plötzlich viele Autos, noch mehr Männer, Jugendliche, Familien mit Kleinkindern. Was machen die denn da?! Bald ist uns klar, sie alle frönen ihrer Leidenschaft, der Schiesskunst. Unheimlich ist uns schon zu mute. Alles wird liegengelassen: hunderte von roten Patronenhülsen, Glasscherben, Plastic, alles. In der nahen Stadt Indio fühlen wir uns sicherer.

Der Andreasgraben, die Kontinentalplattenverschiebung, führt an Amerikas Westflanke vorbei,  entlang Mexiko‘s Baja California durch die Sea of Cortez und den Salton Salzsee, kommt bei Indio als zackiger Hügelkamm hoch und erstreckt sich durch San Franzisco in nördliche Richtung. Die Westplatte drückt nach Norden, die Ostplatte schiebt sich in westliche Richtung darunter. Pro Jahr bewegt sich der Riss um ca. 1 cm, nicht spürbar. Löst sich eine verkeilte Platte plötzlich, wird die Erde erschüttert. Das letzte gewaltige Erdbeben zerstörte 1906 einen Grossteil der Stadt San Francisco. Noch heute sind grünverwachsene Risse und Graben in Kuhweiden, sowie grosse Wasserbiotope für tausende von Zugvögeln nördlich davon gut zu sehen. Der Salton See wurde im Laufe der Erdgeschichte durch das verlandende Coloradodelta von der Sea of Cortez abgetrennt und verdunstete. Beim Versuch, einen Kanal aus dem Colorado durch das trockene Wüstengebiete für agrokulturelle Entwicklung zu ziehen, brach ein Damm 1905 und der ausgetrocknete See füllte sich während 16 Monaten wieder mit Wasser, um heute ein zweites Mal langsam zu verdunsten. Der 40% höhere Salzgehalt als der Pazifik lässt nur noch die unempfindlichen Tilapia-Fische (afrikanische Buntbarsche) überleben, alle andern Fische verdorren skelettig am schönen Ufer - eine entsprechend geschwängerte Duftglocke liegt über den See. Noch zieht dieses Gebiet das ganze Jahr Vogelzüge an. Jetzt lauschen wir dem Sirren der Pelikanflügelschläge, dem Geschrei der Tausenden von Gelbfussmöven, dem Geschnatter der hunderten von Schneegänsen. Langschnäbel nach oben oder unten gebogen, Wattvögel, Laufvögel, lang- und kurzbeinige. Wir können uns kaum satt sehen. Eulen nisten in ‚geborgten‘ Erdhöhlen, deren Jungen zur Wehr wie Klapperschlangen Schnabelrasseln. Die Dämmerung wird von Fledermausschreien zerschnitten. Grossschwere Astnester beladen kahle Bäume, daneben glitzert schwarzgläsern der Obsidian, weiter hinten dampfen Geothermik-Anlagen.

Vielleicht lässt sich ein lauschiges Plätzchen, nicht im gesetzlosen buntfarbigen Slab City, sondern zwischen den Sanddünen der Algodoneswüste (Glamis) finden. Die Sanddünen erstrecken sich 76km bis nach Mexiko und sind etwa 3km breit. Ein Eldorado für UNV(?)-Flitzer, Quads und Crosstöffs, die surfend mit gegen 100 Std/km durch und über die Sanddünen rasen. Wauw! Auch wir sind dabei, eingeladen von einer Gruppe charmanter Mitvierzigern, die uns, im Sand eingespulten, hilfsbereit ihre Freundschaft anbieten. Zwei Tage dürfen wir, aufgenommen in ihrem Camperkreis ums Lagerfeuer die Faszination  ihrer Fahrkünste geniessen.

Am 20. Januar treffen wir uns mit Karin und Andy in Yuma, um am nächsten Tag die mexikanische Grenze zu passieren und ein Stück Baja California gemeinsam zu bereisen.