18. November - 02. Dezember 2019:  El Salvador

Wie bei jedem Land, so auch hier, sind die Gefühle gemischt. Laut ‚Eda‘ sind die zentralamerikanischen Länder, wenn überhaupt, dann nur unter grösster Vorsicht wegen Kriminalität und politischen Instabilitäten zu bereisen. Die bis anhin kennengelernten Staaten überraschten mit ausgesprochen liebenswerten, hilfsbereiten und redseligen Menschen, oft wurden wir aufs herzlichste willkommen geheissen. Die Sicherheitskräfte sind überall präsent, entweder Polizei oder Militär, schwer bewaffnet. Nie fühlten wir uns unsicher, bedroht. Neugierig sind sie alle, sind wir doch fremde Bleichgesichter, jedoch ist unser Blick genauso Neugierig und interessiert.

Die Zollpolizei ist also ebenso freundlich, einige lachende Worte werden gewechselt, sie helfen bei den verschiedenen Schaltern und nach etwa einer halben Stunde werden wir ins neue Land entlassen. Bevor die bekannte Ruta de Las Flores, 40 blumengeschmückte Strassenkilometer mit einigen netten Dörfchen, abgefahren wird, besuchen wir ein kleines geothermisches Feld mit einzelnen schwefligen Fumarolen und die Thermalbäder Santa Teresa mit verschiedenen Schwimmbecken von kalt bis beinahe gargekocht. Obwohl abends noch busweise Einheimische hingefahren werden, stehen wir in der ruhigen Nacht alleine in der Anlage.

Der Vulkangürtel zieht sich durch das ganze Land. Wohin wir blicken, ragen die Strathokegel in die Höhe. Die uralten Inaktiven hinterliessen entweder einen üppigen grünüberwucherten Krater, in anderen bildete sich ein See, andere sind noch zu heiss, als dass sich Vegetation ansiedeln könnte, wenige sind, bzw. waren noch unlängst aktiv. An einigen dieser schönen Lagunen übernachten wir, der Vulkan Santa Ana aber wird bestiegen. Der 1 ½-stündige Aufstieg ist ab Strassenende gut machbar. Wir werden aus Sicherheitsgründen von einem Guide begleitet. Trotz Wolken ist die Aussicht phänomenal, sogar einen Blick auf den Lago de Coatepeque erhascht man kurz. Der Krater ist eindrücklich, denn im Jahre 2005 eruptierte der Vulkan, nur Steine, jedoch bildete sich im Krater ein zweiter tieferer Krater mit herrlichem Türkiswasser und Giftgasen. NB Auf dem Vulkangipfel empfangen uns 4 bewaffnete Polizisten sowie ein Glaceverkäufer Täglich, vor Ankunft der Besucher, trägt er in einer halben Stunde eine Kartonbox mit leckeren Wasserglaces auf der Schulter hoch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Carretera El Litoral wird als sehr schöne küstennahe Panoramastrasse empfohlen. Am Übernachtungsplatz in Mizata schlüpfen eben 102 Wasserschildkrötchen. Sie bleiben 1 Tag in einem Becken (alle paar Stunden wird frisches Meerwasser gewechselt), damit die Kleinen bereits etwas gestärkt an Muskulatur eine grössere Überlebenschance haben in der Freiheit. Hier erfahren wir von selbstbewussten, starken Frauen, dass viele Mädchen zwischen 13 und 15 das erste Mal Mutter werden und bald schon 12 Kinder keine Seltenheit sind. Oft sind sie alleinerziehend, manchmal unterhält der Vater noch weitere (eigene) Familien. Wird zu wenig auf Erziehung geachtet, bleiben die Kinder nach Kurzem der Schule fern, die Mädchen sind wieder schwanger, die Buben landen in den gefürchteten kriminellen Jugendgangs. Hilfsorganisationen, auch Sozialarbeiter oder Theologen aus der Schweiz und andern Ländern unterstützen motivierend solche Familien. Eine Sisiphos-Arbeit!

An einem andern Strand, in El Sunzal, findet zurzeit die erste Standpadel- und Surf-Weltmeisterschaft El Salvadors statt. Sogar die Schweiz ist vertreten… Unweit, in El Tunco unterhalte ich mich mit unserer Gastgeberin nebst anderem über Leguane. Mit meinem tollen Spanisch verstehe ich, ob ich einen schwarzen Macho-Leguan sehen möchte. Natürlich gerne. Kurz danach erscheint sie mit einem Teller… also, die Sauce ist hervorragend!

Die ganze Pazifikküste ist grösstenteils steil abfallend, ein Teil der Buchten besteht aus grossen runden Kieseln, andere Küstenstreifen sind fein schwarzsandig. Hier ist die Tide gut sichtbar. Eindrücklich ist der Golf de Fonseca. In La Unión herrscht Ebbe. Es scheint, die ganze Bucht leert sich bei totaler Ebbe. Die Ladung der Fischerboote wird mit Spezialgefährten durch den Matsch an Land gestossen und auf ebendiesen können Touristen (wir haben nur einheimische gesehen) zu den Booten gelangen, um auf die vorgelagerten Inseln zu tuckern.

 

 

 

 

 

 

 

In San Miguel wäre Ende November Karneval wie in Rio mit Tanz und Musik die ganze Nacht. Das Treiben ist uns aber zu bunt, so entscheiden wir uns für das ruhigere Suchitoto am Stausee des Río Lempa. Hier beim ehemaligen Nonnenkloster und dem Museum des Friedens finden wir einen liebenswerten und sicheren Stehplatz. Wir erfahren in einem Film von der Tragik des Bürgerkrieges 1980-1992 in dieser Gegend, und Schwester Peggy, 80-jährige Engländerin und katholische Schwester in pinkigem Pullover und rassigen Jeans, erzählt uns von ihrem humanitären Einsatz damals hier. Bis heute unterstützt sie Kriegstraumatisierte und versucht mithilfe von positiven Erfahrungen wie musizieren, künstlerischem Schaffen, Sport uvm neue Lebenseinsichten und -freuden zu vermitteln. Die Zukunft, meint sie, wird das Ökodenken sein: Garten, neue Gemüsepflanzen, kompostieren (wird in Zentralamerika generell nicht gemacht), Anzuchtmöglichkeiten für eine Selbstversorgung des Landes… Das grosse voraussehbare und diesjährige Problem ist das komplette Zuwachsen des Reservoirsees mit Wassernymphe (Wasserhyazinthe). Der See ist so stark zugewuchert, dass weder Fähre noch Boote ausfahren können. Die Fischer sind dadurch arbeitslos, die Fische sterben aus Sauerstoffmangel, Mücken vermehren sich explosionsartig und mutieren zu neuen Insektengattungen. Heute hat Peggy ein Treffen mit den umliegenden 120 Industriefirmen um neue Lösungen zu finden – Abwasser, Giftstoffe, schonendere Produktion, konstruktive Vernichtung der Wucherpflanzen, Ausräucherungen, Krankheiten… Eine starke und zähe Frau!

Bevor wir bei El Poy die Grenze nach Honduras wechseln, blicken wir gluschtig auf den höchsten Berg El Salvadors, den El Pital, (2730m). Man könnte mit einem 4x4 hochfahren, steile schlechte Naturstrasse … nein, im letzten Monat haben wir uns zweimal aufs schlimmste verfahren und möchten gerne mit unserem Toyota-Camper das Ziel Südamerika noch erreichen. Die Bergspitze ist dicht verhangen – zum Glück!

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