top of page
6. Reise, 17. Oktober 2023 bis …Mai 2024, ab Uruguay ganz in den Süden

 

Das 3. Enkelkind, der kleine David ist inzwischen geboren. Die Geburtstage von Samantha (12) und Alina (8) müssen wir in Gedanken mitfeiern, denn wir sind bereits wieder in Uruguay. Zwar mit 2 Wochen Verspätung, denn Richard wurde am ursprünglichen Reisetermin am Tag zuvor von Covid mit über 39° Fieber überrascht. Nun aber ist alles in Ordnung. Rolfs 11 Welpen in Nueva Helvetia sind auch Wohlauf, Papillon wartet auf uns in der Wiese. In der Zwischenzeit liess Rolf den gerissenen Keilriemen ersetzen, vielen Dank, vermutlich grobe Nachwehen der Fahrt auf dem feuchten Salar in Bolivien. Bald schon müssen wir Uruguay wieder verlassen, um am südöstlichsten Zipfel Argentiniens Tina und Felix zu treffen. Wir durften einige Päckli aus der Schweiz für sie mitbringen. Etwa 5 Tage trennen uns – keine Distanz auf dem riesigen Kontinent. Ein kleiner Seitensprung in den Park ‘El Palmar’ geniessen wir doch noch, wo tausende von Palmen zwischen Feuchtgebieten und Tümpeln, in denen hunderte von Capybaras (Wasserschweine zur Gattung der Meerschweinchen gehörend und die grössten Nagetiere überhaupt) suhlen im Nass und auf den Wiesen, dazwischen Sumpfschildkröten und massenweise krächzende Lohris und andere Vögel. Wir treffen uns bei Freunden von Freunden von Tina und Felix, bei Barbara und ihrer Familie, die in 2. und 3. Generation noch immer Schweizerdeutsch sprechen. Hier sitzen wir alle zusammen in ihrer grossen gemeinsamen Küche bei einem Asado (Grillabend) und erfahren vom Ritual des Yerba-Tees, das sind getrocknete Blätter des Mate-Strauchs. Getrunken wird er aus einem Flaschenkürbis oder meist ovalem Trinkgefäss gefüllt mit diesen Blättern, und getrunken mit der Bombilla, einer Art Metalltrinkhalm mit einem kleinen Sieb am unteren Ende. Dazu gehört natürlich die Thermoskanne mit heissem (oder kaltem Wasser). Mate-Tee trinken ist Teil der südamerikanischen Kultur und spielt eine wichtige soziale Rolle, zu vergleichen mit dem Ritual des englischen Teatime oder dem deutschen Kaffeeklatsch. Vor oder nach der Arbeit, auch zwischendurch, sitzt man zusammen, reicht den Becher herum. Jeder trinkt nacheinander, gibt den Becher zurück dem Gastgeber, der wieder heisses Wasser nachfüllt. Und alle benutzen denselben Trinkhalm. Dabei erzählt jeder seine Tagesgeschichte, was er erlebt hat, wie es ihm geht. Natürlich auch in Covidzeiten. Zum Essen steht ein grosses Gefäss auf dem Tisch, ähnlich einem grossen Bierhumpen und jeder der Durst hat trinkt direkt daraus. Hier zur Feier des Tages CocaCola mit Fernet.

Im südosten Brasiliens regnet es zur Zeit wieder ungewöhnlich stark. Viele Dörfer und Städte sind überflutet. Vermutlich werden Küche und Wohnraum bei Barbara, wo wir erst noch gemütlich bei Spiel zusammensassen, auch wieder unter Wasser stehen. Wir schauen uns die Iguazú-Fälle an, die argentinische wie die brasilianische Seite. Die Wassermassen sind immens, unbeschreiblich beeindruckend. Wir haben Glück, denn wenige Tage nach unserem Besuch bleiben die Eingänge geschlossen. 16-mal mehr Wasser als üblich donnert über die vielen Kaskaden, die Besucherstege sind überspült.

Bis Guaira reisen wir noch zusammen mit Tina und Felix, hier schwenken sie ab über den Fluss nach Paraguay. Nach dem Einbau zwei neuer Verbraucherbatterien reisen wir in den Südpantanal nach Bonito. Wieder sind wir etwas gestresst, denn die Nachfrage nach einem Ponton von Corumbá (an der bolivianischen Grenze) nach Porto Jofre sollte in wenigen Tagen fahren und der Weg ist noch weit. Gerne hätten wir uns mehr Zeit gelassen. Aber sollten wir dieses Schiff verpassen, wird das nächste erst wieder in 2-3 Wochen fahren. Das hiesse für uns einen Umweg von etwa 1300km zu fahren. Die etwas monotone Fahrt durch grösstenteils Farmgebiet lässt uns grössere Distanzen als gewohnt zurücklegen. Im touristischen Bonito gibt’s jedoch einen Halt. In einer tiefen Doline, umgeben von etwas Dschungel, erspähen wir viele rotgrünbunte Papageien und Tukane. Auch viele andere fremdartige Vögel erfreuen uns. Hätten wir mehr Zeit, dann würden wir schnorcheln gehen mit den vielen Fischen im glasklaren kleinen Fluss. Dank grossem Kalkvorkommen sind viele Flüsse und Bäche hier kristallklar. Am Übernachtungsort gönnen wir uns eine Bad-Erfrischung im letzten Becken des sonst ausgetrockneten oder versickerten Bachbettes. Noch trennen uns viele Kilometer bis zum Rio Paraguay, ob das Schiff fahren wird wurde noch nicht bestätigt. Die Piste im Südpantanal ist staubigtrocken. Herden von klapprigen indischen weissen Buckelrindern kommen uns entgegen, getrieben von Gauchos auf Pferden. Wurden sie alle vom Nord- in den Südpantanal auf Pontons gefahren? Und nun, wohin? Eigentlich hätte in den letzten Tagen die Regenzeit begonnen, vielleicht haben wir als Fahrer Glück noch trocken durchzukommen. Das Pantanal ist das grösste Feuchtgebiet der Erde. Das Sumpfgebiet ist fast halb so gross wie Deutschland und befindet sich grösstenteils in Brasilien, während etwa ein Drittel, touristisch wenig erkundet, in Bolivien und Paraguay liegt.

Etliche Farmer haben sich hier angesiedelt. Mit Rodungen und ‘präventivem’ Abfackeln erschliessen sie mehr Land für riesige Kuhherden oder Soyaanbau. Viele ihrer Farmen sind nur per Boot oder Kleinflugzeug erreichbar.

Endlich erreichen wir Corumbá, am Dienstagabend. Morgen sollte das Boot mit den 3 Pontons abfahren. Doch der Bescheid ist negativ, keine Fahrt. Ja was nun? Doch das Glück ist uns hold. Auf dem Campingplatz wartet ein holländisches Paar auf ein zweites Auto, denn dann würde ein anderer Bootsbetrieb sie/uns mitnehmen. Schnell ist der Kontakt mit Google-Übersetzer hergestellt, doch, ja, es klappt, morgen um 16:00h bereit sein. Bis der kleine Hafen, besser sowas wie Ankerplatz, gefunden wird! Erst werden die zwei anderen Pontons beladen mit hauptsächlich Veh-Mineralienfutter, dann der dritte. Wir werden als letzte Fracht in Porto Jofre entladen, also werden wir als erste über Metallplanken hochdirigiert. Danach füllt sich der Ponton bis auf den allerletzten Meter mit Traktoren, Vehikeln, Anhängern und Anderem. 4 Nächte verbringen wir auf dem Rio Paraguay und Rio Cuiabá, halten hie und da an um Ware zu entladen, kleinere Posten werden per Motorboot ausgeliefert. Es sind genüssliche Tage. Die Besatzung ist freundlich, arbeitet ohne grosse Worte Hand in Hand und ist tüchtig, Alkohol sieht man nie. Wir erhalten 3 Mahlzeiten, auf Wunsch sogar eine klimatisierte Kabine. Inzwischen jedoch ist ein neuer Auftrag eingegangen, das Schiff kann Flussaufwärts seine 3 gestossenen Pontons mit Veh füllen, die dann nach Corumbá flussabwärts geschippert werden.

Mich schaudert noch immer der Gedanke, dass Filou, Tina und Felix’ Hund bei derselben Schiffsreise vom Ponton gefallen war. Jedermann schüttelte hoffnungslos den Kopf, keine Chance bei all den vielen Kaimanen. Doch, oh Wunder, nach 24 Stunden wurde der schwarze Pudel heulend von einem Fischer an einem Steilbord entdeckt und den überglücklichen Besitzern übergeben.

Gemeinsam mit dem Holländerpaar Tina und Jaap mieten wir eine Jaguar-Tagesbootstour.  Und welch grosses Glück, 9 dieser kräftigen herrlichen Tiere sichten wir. Manchmal sind sie sogar zu zweit, einmal mit Jungen. Wie aufregend und eindrücklich! Capybaras und grosse Jabirus (Storchenvogel) besiedeln die Wassernähe. Wegen der fortgeschrittenen Trockenzeit sehen wir ansonsten wenig Tiere, ausser natürlich Vögel, hauptsächlich kleine krächzende grüne Lohris (was die immer lautstark zu erzählen haben!) und hören ohrenbetäubende zirpende Zikaden. Dafür fallen reife Mangos zu Hauf von den riesigen Bäumen und wir können uns davon genüsslich sattessen.

Nochmals muss ich erwähnen wie froh wir für unsere Reise sind, dass noch kein Regen fällt, denn die staubigen Erdstrassen würden sich im Nu in maschige rutschige und gefährliche Pisten verwandeln. So nehmen wir die feinen Russpartikel der Brände und den Strassenstaub ‘gerne’ entgegen, breschen gegen die brasilianisch/bolivianische Grenze – erst über die staubigtrockene Transpantaneira über die noch restlichen abenteuerlichen Holzbrücken (der Grossteil wurde erneuert mit Betonübergängen), vorbei an seichten Resttümpeln, wo sich die zahllosen Kaimane bald Schulter an Schulter nässen. In der 44° Tageshitze treffen wir noch einen seltenen Overlander, Dieter (Deutsch/Schweizer mit Autonummer aus Kasachstan – sowas schon mal gesehen?). Bis zur Grenze erfreuen uns 200km schnurgerade Asphaltstrasse, die ab Bolivien abrupt in 300km Waschbrettstaub übergeht. Nicht bei Nacht fahren, nicht wild übernachten – denn parallel zur bolivianischen Grenze verläuft die Koka-Schmugglergrenze Brasiliens, und die kennt anscheinend kein Pardon. So übernachten wir sicher an der Bushaltestelle einer handvoll Häuser, um nächstentags San Ignacio zu erreichen. Welche Wonne, im sauberen Hof von Ruedi (aus dem Toggenburg) und Miriam im Schatten zu übernachten, mit grosser warmer Dusche und einfach ein bisschen zu sein, bei ihm die Wäsche waschen zu lassen, sein integrales leckeres Brot zu geniessen… Dieter ist inzwischen auch angekommen, so verbringen wir hier 3 kurzweilige entspannte Tage. Dank Ruedi können wir auch unsere Tanks auffüllen lassen. Benzin und Diesel hier zu bekommen ist ein geduldiges Unterfangen – Touristen bezahlen eh den 3-fachen Preis, falls sie überhaupt Tankerlaubnis kriegen. An den Tankstellen warten lange einheimische Autoschlangen, um ihre Kanister, Behälter, Tanks zu füllen und diese dann teurer zu verkaufen. So hat der eine oder andere einen kleinen Zusatzverdienst, der ihn überleben lässt, so wie die Mutter, die uns den Diesel aus 20l-Bidons ansaugt. Sehr viele Autos fahren hier ohne Nummern – alles Geklaute aus Brasilien und Argentinien. Wir sind froh um Ruedis Hilfsbereitschaft, wünschen ihm und seiner Familie alles Gute und fahren weiter nach Santa Cruz.

Sehr zentral finden wir ein kleines sauberes Hostal, in deren Hof wir stehen dürfen. Es ist heiss, um die 40°, ein starker steter Wind bläst, der eigentlich typisch für August ist, aber nicht für jetzt. So haben wir immer etwas Staub zum Knirschen zwischen den Zähnen, die Hände und Kleider sind nach kurzem klebrig verschwitzt. Für Abkühlung sorgt der kleine herrliche Pool, frischer Papaya- und Wassermelonensaft kühlt unser Gaumen. Die vielen Liter getrunkener Flüssigkeit, verdunsten sofort aus unserem Körper, und nur ein kleines konzentriertes Etwa wird noch ausgeschieden. Aber es geht uns gut.

Wie stark auch dieser Ort sich von unseren gewohnten Stadtbildern unterscheidet! Beim Einfahren in die Städte verdichtet sich vorerst der Verkehr, die kleinen, sehr bescheidenen Behausungen nehmen zu, manchmal mit kleinen staubigen Vorplätzen, oft mit Gerümpel und Plasticabfall überfüllt (so wie überall neben den Strassen und weit hinausgewindet übers Land). Kleine Gemüsestände säumen den Strassenrand des dichten Lastwagen- und Autoverkehrs. In welcher ‘Autokolonne’ soll man jetzt fahren?! Grosse Industriegebäude entstehen, viele sind nur Ruinen. Autogaragen und Händler folgen dicht an dicht. Der Verkehr wird noch dichter. Wir müssen uns konzentrieren die richtige Doppelspur in die richtige Richtung zu ergattern, vorbei an durchzwängenden vielen (!) Autobussen, kreuzenden, abschwenkenden Vehikeln, hupenden Autos, rechts und links überholenden Motorrädern. Es gibt nur einen Weg hier im Stau vorwärts zu kommen – Geduld haben, sehr viel Geduld und ruhig bleiben. Bis jetzt haben wir jede durchfahrene Stadt geschafft, mal besser, mal weniger.

Ein kurzer Spaziergang ins nahegelegene Stadtzentrum ist für uns beinahe abenteuerlich. Wiederum müssen wir feststellen, dass Stadthygiene anders wahrgenommen wird. Was bei uns immer sehr reinlich und perfekt sein muss, ist hier legerer, unwichtiger. Wird zB bei uns in der Schweiz ein Strassenbord geschnitten, dann wird der Abfall gleich aufgenommen. Hier werden die Borde ebenfalls sehr gut geschnitten, der viele Plastic bleibt jedoch liegen. So manchmal auch in Hotelanlagen, der Garten ist relativ gepflegt, gefötzelet wird jedoch nicht.

Im Stadtpark treffen wir unverhofft wieder auf Dieter – dies muss natürlich gleich mit einem grossen Krug gekühltem Limonadensaft gefeiert werden. Sein Weg führt nach Sucre, der unsrige dem GranChaco entlang nach Yacuíba. In der Grenzstadt ist Markt, wir verfahren uns in ein Sackgasse. Ein freundlicher Herr steigt bei uns ein und lotst uns durch den Markt und Strassendschungel bis vor den Grenzposten. Nach verschiedenen Anlaufstellen und vier Schaltern sind unsere Pässe aus und ein gestempelt, der Wagen abgemeldet und im neuen Land Argentinien eingestempelt und was sehen wir da… aber selbstverständlich erhalten wir 240Tage Landesaufenthalt (ach, hätten wir nur so viele Tag im März erhalten – das sportliche Umparkieren von Salta nach Uruguay wäre uns erspart geblieben).

bottom of page